Ulrichstein, wo der Tourismus (ver-)blüht...

Vom Winde verweht

 

Ulrichstein und die Zukunft des Tourismus

Die Stadt Ulrichstein setzte früher hauptsächlich auf den Tourismus. Nach dem zweiten Weltkrieg kam das „höchstgelegene Bergstädtchen des Hessenlandes“ (Wetterauer Zeitung) als Erholungsort zu relativer Blüte, wohl nicht zuletzt dank seiner exponierten Aussichtslage und seiner Nähe zu den ausgedehnten Wandergebieten des Oberwaldes mit den höchsten Erhebungen des Vogelsbergs, dem Taufstein (773 m) und dem Hohe-rodskopf (763 m). 1961 eröffnete als erste Einrichtung ihrer Art in Deutschland das vom Verband der Heimkehrer und dem Kyffhäuserbund betriebene Erholungsheim "Haus Ulrichstein", das nach Zwischenstationen als privat betriebenes "Plaza-Hotel" (In-solvenz) und Übersiedler-Unterkunft als hässliche Bauruine endete, die derzeit von ei-ner Erwerber-Gesellschaft abgerissen werden muss, die sich von der Stadt nicht nur die Beseitigung dieser Altlast auf eigene Kosten, sondern auch noch die Bauarbeiten zur Grundstückserschließung (mit anschließender Überführung der geschaffenen Einrich-tungen in kommunalen Besitz) aufs Auge drücken ließ. (Anmerkung: Die näheren Mo-dalitäten dieses für die Gemeinde ungewöhnlich vorteilhaften Deals sind leider unbe-kannt, aber man wundert sich schon!). Ab 1966 gab ein Quellen-Unternehmen aus Neuselters sogar Heilwasser an die Erholungssuchenden aus. Für die folgenden Jahre war die Errichtung eines Kurmittelhauses und die Anerkennung als "heilklimatischer Kurort" projektiert. Doch die Pläne eines „Heilbades auf Pfandflaschenbasis“ kamen nicht mehr zur Ausführung. Aus heutiger Sicht wirken sie auch ziemlich abwegig.

Anfang der 1980er Jahre dann verbanden sich große Hoffnungen mit einem Ferien-dorf-Projekt am Rand der Kernstadt (104 Ferienhäuser um ein Gastronomiezentrum mit Rezeption, Restaurant, Bühne, Kegelbahn inklusive Gaststätte, Schießstand und Hallen-bad), das von drei privaten Investoren errichtet worden war. Dieses sorgte in den 1980er und 90er Jahren dafür, dass Ulrichstein unter den Fremdenverkehrsorten der Region den Spitzenplatz einnahm.

Laut Fremdenverkehrsstatistik für den Vogelsberkreis, die den Zeitraum von 1988 bis 2010 erfasst (hier allerdings nur Beherbergungsbetriebe ab 9 Betten), belegte Ulrichstein 1988 mit 84.560 Übernachtungen noch den ersten Rang (zum Vergleich: Herbstein 82.524, Alsfeld 69.506, Grebenhain 55.342, Schotten 53.759, Lauterbach 53.058). Bis 2010 (aktuellere Zahlen z.B. unter www.destatis.de) ist jedoch eine massive Verringerung der Gästezahlen in Ulrichstein von 14.787 (= 84.560 Über- nachtungen, durchschnittliche Aufenthaltsdauer 5,7 Tage) auf 4.892 (= 14.082 Über-nachtungen, durchschnittliche Aufenthaltsdauer 2,8 Tage) festzustellen. Dies entspricht einem Rückgang der Übernachtungen um 83,4 Prozent. Einzelne Mitbewerber konnten ihr Ergebnis im selben Zeitraum dagegen erheblich verbessern (z.B. Grebenhain von 55.342 auf 83.259 Übernachtungen, also fast den Bestwert Ulrichsteins im Jahr 1988). Keine der aufgeführten Städte musste nur annähernd so hohe Einbußen hinnehmen wie Ulrichstein. So zählte man 2010 in Alsfeld 71.595, Schotten 67.576, Lauterbach 54.028 und Herbstein 51.004 Übernachtungen. Dies entspricht einem Zuwachs aller fünf Städte von immerhin 13.273 Übernachtungen (= 4 Prozent). Neuere Daten (2012-2014) belegen eine nahezu konstante Zahl der Ankünfte und Übernachtungen für den gesamten Vogelsbergkreis, während Ulrichstein erneut Einbrüche von teilweise  über 50 Prozent  zu verzeichnen hatte. 

Hieran schließt sich notwendigerweise die Frage nach den Ursachen der allein für Ulrichstein so katastrophalen Entwicklung an, verbunden mit der Überlegung, ob der Tourismus in Hessens höchstgelegener Stadt überhaupt noch eine Zukunft hat. Nach Meinung nicht weniger Bürger wurde ein ganzer Wirtschaftszweig durch den Ausbau Ulrichsteins zur "Windkraftgemeinde" ruiniert. Dies als "Quatsch" abzutun, weil es einen "allgemeinen Rückgang an Übernachtungen" im Vogelsberg gebe, "der nichts mit den Windrädern zu tun habe" (Ulrichsteins Bürgermeister Edwin Schneider), erscheint in keiner Weise sachgerecht. Da spricht offensichtlich die Stimme aus Phantasialand oder irgendeinem anderen Parallel-Universum. Sollte dies das Urteilsvermögen des Ulrich-steiner Wahlbeamten insgesamt kennzeichnen, kann den Bürgern nur der Angstschweiß ausbrechen, wenn Schneider von sprudelnden Windkraft-Einnahmen und dem hiervon zu erwartenden Wohlstand orakelt. Welch ein Großmeister der Halbwahrheiten an Ulrichsteins Stadtoberhaupt verloren gegangen ist, kann man auf der Propaganda-Web-site "Windkraft und Tourismus" nachlesen:

http://internatsberatung.beepworld.de/pagefiles/header/header2454241.jpg?1369690390
Beispiel: Ulrichstein (Vogelsberg) 
 
Mehr Windkraft und steigende Übernachtungszahlen

Erneuerbare Energien und Tourismus ergänzen sich. Das zeigt auch Hessens höchstgelegenes Städtchen, Ulrichstein am Vogelsberg. Der bei Erholungssuchenden und Freizeitsportlern be-liebte Ort bietet mittlerweile 53 Windkraftanlagen im weitläufigen Stadtgebiet Platz. Die Be-deutung der erneuerbaren Energien ist stetig gewachsen.

„Die Zahl der Übernachtungen in Ulrichstein ist 2012 gegenüber dem Vorjahr um 700 auf rund 12.000 gestiegen. Wir freuen uns über einen Zuwachs an umweltfreundlichen erneuerbaren Energien und an touristischem Zuspruch für Ulrichstein“,

berichtet Bürgermeister Edwin Schneider.

Fakt dagegen ist: Einer extremen Dichte von Windenergieanlagen auf Ulrichsteiner Stadtgebiet (man spricht von 1 WEA pro Quadratkilometer) steht ein derart extremer Rückgang der Übernachtungszahlen gegenüber, dass man mit vollem Recht von einem "Totalschaden" sprechen kann. "Quatsch" bzw. fahrlässige Ignoranz wäre es da wohl eher, "Windwahn" und Gästeschwund nicht miteinander in Verbindung zu bringen. Denn dass in Wahrheit Windräder die Gäste vergrämen, behaupten ja nicht nur Ulrich-steiner Windkraftgegner, sondern zum Beispiel auch die Landräte und Bürgermeister der Ferienregionen Hochsauerland und Waldeck'sches Upland. Denen erscheint der von Schneider in Abrede gestellte Zusammenhang immerhin so evident, dass sie eine wind-räderfreie Schutzzone für ihre Urlaubsgebiete fordern. 

Achtung Satire!

Fantasie statt Fakten. Wäre es nicht langsam an der Zeit, "Windmühlen-Erwins" Nachfolger namens "Windmühlen-Edwin" die Region El Tobeso, das Windmühlenland Don Quijotes, als neue Partnerregion der Großgemeinde Ulrichstein vorzuschlagen? Dann kämen vielleicht auch mehr Windmühlen-Touristen aus Spanien, Holland, Fantasialand, Taka-Tuka-Land, dem Land hinter den sieben Bergen...

Auf jeden Fall dürften sich Ulrichsteins Stadtobere dank der unverfrorenen Schönfärberei ih-res Bürgermeisters als Schmäh-Preis-Kandidaten für den "Goldenen Windbeutel" (laut "DIE WELT" verliehen für die "dreisteste Werbemasche") im Jahr 2016 ganz nach vorn geschoben haben! Das "Innovationszentrum" sowie das "Seminarhaus Windkraft" könnten im Interesse des "Corporate Designs" der Ulrichsteiner Selbstdarstellung und Tourismuswerbung in "Baron-von-Münchhausen-Innovationszentrum" und "Seminarhaus Windbeutel" umbenannt werden. Um diese Namensgebung herum ließen sich neue Veranstaltungs-Angebote kre-ieren wie z.B. ein jährlich auszurichtender Fachkongress für Pseudologie oder ein herbst-liches "Wind-Beutelches-Essen". Natürlich wäre in diesem Sinne auch das Original-WEA-Rotorblatt vor dem Rathaus in eine riesige Pinoccio-(Papp-)Nase umzugestalten, was aber wegen der ähnlichen Formgebung mit etwas Pappmaché aus alten (windräderlosen) Fremdenverkehrsprospekten oder der IWU-Studie "Perspektiven für Ulrichstein" ohne großen Arbeits- und Kostenaufwand zu bewerkstelligen sein dürfte.

Für die nun besser als Lügen-Museum im Mundwerk" auszuweisende ehemalige Zehnt-scheune wären neben Wechselausstellungen zu den Themen "Jägerlatein", "Verstellungs-Kunst", "Bauernschläue", "Heimatlüge" oder "Auf-, Beutel-, Hals- und Ehrab-Schneider in der jüngeren Ulrichsteiner Stadtgeschichte" so kongeniale Programm-Highlights vorstellbar wie "Schönfärberei für Anfänger", "Kleine Lügner ganz groß", "Advent, Advent - ein Windrad brennt!" o.ä. mehr. Das "Seminarhaus Windbeutel" könnte mit Vortragsreihen zu den Themen "Öko-Mythen", "Die größten Lügen und Legenden der Weltgeschichte", "Die größ-ten Werbelügen", "Die größten Medienlügen", "Lügen in MedienPolitik und Wissen-schaft" und dergl. belebt werden. 

Weiteres Material zum Thema Windkraft und Tourismus im Vogelsberg finden Sie hier!

Der streng wissenschaftliche Nachweis einer direkten Kausalität zwischen Windrad-dichte und Gästeflucht ist naturgemäß schwer zu führen. Eine viel zitierte Umfrage der Justus-Liebig-Universität Gießen zu den Wirkungen der Industrialisierung der Vogels-berglandschaft auf Erholungsuchende vermittelt wegen einer allzu selektiven Auswahl der befragten Personen kein sehr überzeugende Ergebnis. So wurden überwiegend Be-sucher des Tourismus-Zentrums auf dem Hoherodskopf um ihre Einschätzung gebeten. Dort allerdings schrumpfen aufgrund der extremen Höhenlage die WEAs der Umgebung auf Spielzeuggröße zusammen. Zudem handelt es sich um einen im Vogelsberg einzig-artigen Hotspot ("Erlebnisberg Hoherodskopf") mit diversen Gastronomie-Betrieben, Klettergarten, Minigolf, Sommerrodelbahn, Skilift, Langlaufloipen usw., der sicherlich nicht in erster Linie von Ruhe und Erholung suchenden Wandertouristen aufgesucht wird, wie sie für den Vogelsberg repräsentativ sind. Die dort anzutreffenden Event-Besucher und Ausflugs-Gäste dürften von vornherein unsensibler gegenüber Eingriffen in die Naturlandschaft sein.

Die Aussagekraft empirischer Untersuchungen zu den Imponderabilien des touristi-schen Nachfrageverhaltens ist allgemein eher niedrig zu bewerten. So weist eine Studie der Universität Kassel explizit auf die erfahrungsgemäß stark ausgeprägte Diskrepanz zwischen verbalisierten Handlungsabsichten und tatsächlichen Handlungen der in Inter-views befragten Personen hin (vgl. S. 34 der Studie). Umfrageergebnisse werden zu-dem oft schon durch die Art der Fragestellung präjudiziert oder unterliegen am Ende einer interessengeleiteten Interpretation. Letztlich lässt sich mit etwas Verbalakrobatik so ziemlich jedes gewünschte Ergebnis herbei interpretieren. Was zum Beispiel bedeu-tet der Befund, Vogelsberg-Touristen sähen sich durch Windenergieanlagen "weniger gestört als befürchtet", konkret für die Wahl eines bestimmten Urlaubsorts oder Aus-flugsziels? Welche Prognose lässt sich hieraus für die Entwicklung der Gästezahlen ge-rade an solchen Standorten ableiten, die eine besonders hohe Windraddichte auf-weisen?

Und Voraussagen der touristischen Entwicklung sind bekanntlich am schwierigsten, wenn sie die Zukunft betreffen. So steht das windräderfreundliche Fazit des Gießener Raumplaners Prof. Christian Diller zu der oben zitierten Umfrage auch unter einem Vor-behalt, den man leicht übersieht:

Beim derzeitigen Ausbaustand von Windenergieanlagen im Vogelsberg ist die von den Besucherinnen und Besuchern empfundene Störung gering“, zieht Prof. Diller als Fazit aus der Untersuchung.

Aber bei dem "derzeitigen Ausbaustand" soll es ja gerade nicht bleiben! Die angebliche Tolerierung der Windräder als "notwendiges Übel" dient als Rechtfertigung für den weiteren Ausbau der Windparks in allen Teilen des Vogelsbergs. Nur sollte man viel-leicht bedenken, dass Quantität an einem bestimmten Punkt immer in Qualität um-schlägt! Will sagen: Schon ein oder zwei Windräder in exponierter Lage zusätzlich - und schon kommt es zu der Reaktion: "Jetzt reicht's!"

Nur so lange die Touristen einer massiven Industrialisierung der Landschaft noch aus-weichen können, indem sie weniger belastete Orte in der Region aufsuchen , mag das subjektive Gefühl der Beeinträchtigung gering sein. Aber was geschieht, wenn sich dem Naturfreund in sämtlichen Blickrichtungen nur noch endlose Ketten von Windkraft-Monstern präsentieren?

Die Demontage der Windenergie-Mythen hat gerade erst begonnen und wird - einmal in Gang gesetzt - rasch voranschreiten. Insbesondere der Ruf der Windkraft als vermeint-lich "saubere", preiswerte und gesundheitlich unbedenkliche Energieressource oder politisch korrekte und sichere Kapitalanlage hat gelitten. Dafür stehen unter anderem die "Procon"-Pleite, die katastrophale Energiebilanz selbst der standortgünstigsten Off-shore-Windparks (sie erzeugen bei gleicher Nennleistung nur die Hälfte der Energie konventioneller Kraftwerke, Nonshore-Anlagen sogar nur ein Viertel!), die extreme In-transparenz der Strompreise infolge eines undurchdringlichen Subventionsdschungels, die lautstarke Kritik der Fachwelt an dem Erneuerbare Energien Gesetz (EEG), das entgegen jeder wirtschaftlichen Vernunft ausgerechnet die teuerste Form der Strom-gewinnung am stärksten fördere, die Unsicherheit staatlicher Planungsvorgaben und Investitionsanreize, Flächenverbrauch und Naturzerstörung als Folge von Fehlanreizen (z.B. hoher Anfangsvergütungen für WEA-Betreiber), die ungerechte Kostenverteilung der Energiewende durch inflationär gewährte Ausnahmeregelungen bei der Ökostrom-Umlage für die Großindustrie, das "schmutzige Geheimnis" der neuesten (getriebe-losen) Generatoren-Generation, deren Produktion auf seltene Metalle (Neodym) ange-wiesen ist, deren Abbau in China zu katastrophalen Umweltzerstörungen und Gesund-heitsgefährdungen führt sowie zu allem Überfluss auch noch Atommüll produziert, Bilder brennender, explodierender oder umstürzender Windrad-Monster in den Medien u.v.a.m.

Der Nachweis des unmittelbaren Zusammenhangs zwischen der Industrialisierung ehe-maliger Erholungsgebiete und schrumpfenden Besucher- und Gästezahlen ist im Fall Ul-richsteins übrigens ganz ohne demoskopische Unterstützung zu führen. So lässt sich eindeutig anhand von Haushaltszahlen dokumentieren, welch geringen Stellenwert der Ausbau des Tourismus im Vergleich zum Ausbau der Windkraft-Standorte einge-nommen hat. Die Rathauspolitik war über Jahrzehnte derart auf den Ausbau von Wind-parks fokussiert, dass die Pflege des Ortsbilds, der Landschafts- und Naturschutz, die Versorgung mit hochwertigem Trinkwasser, die Schaffung einer ausreichenden und den heutigen Anforderungen entsprechenden Übernachtungskapazität und ähnliche touris-musrelevante Aspekte vollkommen in den Hintergrund traten. Man muss sich nur ein-mal vergegenwärtigen, wie wenige der den Fremdenverkehr betreffenden Empfehlun-gen der in den Jahren 2008/2009 erstellten HAL/IWU-Studie "Perspektiven für Ulrich-stein" tatsächlich umgesetzt wurden. Oder man versuche sich einmal vorzustellen, die Millionen aus den Windenergie-Projekten (unter Einschluss der durch teure Prozessnie-derlagen der Stadt und Verluste der WEA-Betreiber verschwendeten Gelder) hätten in eine attraktivere Kernstadt, neue Konzepte für "Plaza-Hotel" (früher Haus Ulrichstein) und "Feriendorf Ulrichstein", die Einrichtung von Ferienwohnungen in leer stehenden Häusern der Altstadt, einen Campingplatz u.a.m. investiert werden können.

Möglichkeiten für die Stadt, gegen den heute überall sichtbaren Verfall rechtzeitig ein-zuschreiten oder sich in Fremdenverkehrsprojekte als Gesellschafter einzubringen, um auf die Entwicklung Einfluss zu nehmen, hätte es sicherlich gegeben. Denn in Sachen Windkraft ging das schließlich auch! Aber dieser Weg wurde nicht verfolgt. Man vergoss zwar vereinzelte Krokodilstränen über die zur Tourismusförderung fehlenden Geldmit-tel (wie etwa zur Rettung des ehemaligen Vorzeige-Objekts "Haus Ulrichstein"/Plaza Hotel). Doch gleichzeitig setzten die Windenergie-Profiteure im Rathaus durch, dass das Geld der Bürger in den Umbau Ulrichsteins zur "Windkraftgemeinde" gesteckt wurde. Da fühlt man sich an die zynische Steigerungsformel des FDP-Grafen Lambsdorf - "Gemeinnutz - Eigennutz - Nichtsnutz" - erinnert. Das Gemeinwohl geriet über der Aussicht auf sprudelnde Einnahmen aus Pachten, Gesellschafteranteilen und Vergü-tungszahlungen, die nicht nur in der Stadtkasse, sondern in vielen privaten Taschen landeten, offenbar aus dem Blick. Kritiker beruhigte man mit dem Hinweis, dass schließlich jeder, der Geld übrig habe, sich an so genannten "Bürgerwindparks" beteiligen könne. Goldgräberstimmung im Vogelsberg. So mögen sich die Wüstensöhne Arabiens gefühlt haben, als vor ca. 75 Jahren über Nacht florierende Öl- und Gasfelder aus dem Wüstensand empor wuchsen.

In dem Bestreben, Ulrichstein zum "Aushängeschild" der regenerativen Energieer-zeugung zu machen, wurde eine wirtschaftliche Monostruktur wie einst im Ruhrgebiet geschaffen, die zudem auf einer Technologie basierte, die bei genauerem Hinsehen weder wirtschaftlich noch umweltverträglich war und eine zuverlässige Grundver-sorgung ohne kostentreibenden Parallelbetrieb von Gaskraftwerken oder anderen wind-unabhängigen Energiequellen nicht sichern kann. Dies nicht gesehen und verhindert, sondern in Verfolgung privatwirtschaftlicher Interessen von Mandatsträgern mutmaßlich noch forciert zu haben, gehört zu den schwersten Sünden der Provinzpolitiker im Ulrichsteiner Rathaus, allen voran der als "Windmühlen-Erwin" landesweit bekannte, ebenso ehrgeizige wie geschäftstüchtige Bürgermeister Erwin Horst (inzwischen ver-storben).

Um landesweit "die Nase vorn" zu haben, gingen die Ulrichsteiner Stadtväter Risiken ein, die ein Privatunternehmer auf eigene Rechnung vielleicht eingehen darf, nicht aber ein Bürgermeister, Stadtrat oder Stadtverordneter, der das Geld der Allgemeinheit verwaltet.

Mittlerweile zeichnet sich ab, dass sich die Millionen-Investitionen in die Energie-Zu-kunft für die Privatanleger stets besser rechneten als für die Stadtkasse und damit auch für Otto-Normalbürger. Dem wollte man stets einreden, dass die WEAs - insbesondere nach Abschreibung der Investitionskosten - Jahr um Jahr hohe Nettogewinne erwirt-schaften würden. Mit diesen könnten dann die öffentlichen Ausgaben quersubven-tioniert werden, so dass diese nicht voll auf den einzelnen Bürger umgelegt werden müssten. Nur stimmt das eben nicht! Windkraftanlagen rechnen sich für die Betreiber nur, wenn Altanlagen nach dem Auslaufen der erhöhten Anfangsvergütungen durch neue ersetzt werden, zumal die mechanische Beanspruchung der Generatoren derart hoch ist, dass die Kosten für Wartung und Instandsetzung mit jedem Jahr des Weiter-betriebs exponentiell ansteigen. Und ähnlich wie die Kosten der Endlagerung des Atom-mülls werden auch die Kosten des Rückbaus der Windkraftgiganten am Ende der Be-triebszeit bzw. bei auslaufenden Betriebsgenehmigungen einfach in eine nebulöse Zu-kunft verschoben.

Der versprochene "Wohlstand durch Windkraft" ist bisher noch nie anhand konkreter Zahlen nachgewiesen worden. Stattdessen wurden hypothetische Annahmen nach dem Muster "hätte - wäre - wenn - gewesen" präsentiert. So ließ der damalige Bürger-meister Erwin Horst 2009 über "Osthessen-News" folgende Jubelmeldung verbreiten:

"Ulrichstein erwirtschaftet mit seinen eigenen Anlagen – betrieben durch einen kommunalen Eigenbetrieb – jährliche Überschüsse von 150 000 bis 350 000 Euro. Hinzu kommen Gewerbesteuereinnahmen der anderen Windkrafterzeuger auf der Ulrichsteiner Gemarkung. Dieses Geld kommt den Bürgern unmittelbar zugute. So werden die Verluste in der Wasserversorgung durch eine Quersubventionierung ausgeglichen, was einen Euro pro Kubikmeter Wasser ausmacht. Trotz umfang-reicher Sanierungsarbeiten blieben auch die Kanalgebühren stabil."

Hierbei handelte es sich offensichtlich um eine dreiste Lüge. Denn just im Oktober des-selben Jahres erließ die Stadt Ulrichstein Bescheide über die Vorausleistung von Was-ser- und Abwasserbeiträgen, die aufgrund ihrer für etliche Bürger existenzbedrohenden Höhe einen Sturm der Entrüstung in der Bevölkerung hervorriefen und zur Gründung der "Bürgerinitiative gegen Wasser- und Abwasserbescheide der Stadt Ulrichstein" führ-ten. Heuchelte man in der  Stadtverordnetenversammlung vom 6. November 2009 noch "Bürgerfreundlichkeit", indem man sich über den Verzicht auf Stundungszinsen "aus sachlichen und persönlichen Billigkeitsgründen" beriet, wurden mit wachsendem Widerstand der Bevölkerung immer härtere Saiten aufgezogen. Unverhohlen drohte die Stadt säumigen Zahlern nun mit sofortiger Pfändung. Doch dies geschah ohne jede Rechtsgrundlage. Denn durch sämtliche verwaltungsgerichtlichen Instanzen obsiegte die Bürgerinitiative gegen die Stadtväter. Die Abwasserbescheide seien wegen Ver-stoßes gegen die sog. "50 Prozent-Regel" rechtswidrig gewesen, entschieden das Verwaltungsgericht Gießen und der Verwaltungsgerichtshof in Kassel. Und auch die Musterprozesse gegen die Wassergebühren-Bescheide endeten wegen falscher Be-rechnungsgrundlagen mit krachenden Prozessniederlagen der Stadt Ulrichstein. 

Sehr bezeichnend für die Seriosität der Stadtoberen waren die Tricks, mit denen man versucht hatte, zunächst die Verfahren zu verschleppen (siehe Presseartikel: "BI ver-klagt die Stadt jetzt wegen Untätigkeit"), um anschließend die Gerichte in die Irre und die Bürger hinter die Fichte zu führen. So rechnete man dem realen Leitungsnetz die sog. "Fernwirkleitungen" hinzu, die reine Funkverbindungen zum Auffinden eventueller Undichtigkeiten der Kanäle darstellen und mit realen Baumaßnahmen nichts zu tun haben!), um im Berufungsverfahren vor dem Verwaltungsgerichtshof eine Erneuerung des Leitungsnetzes um mehr als 50 Prozent vorzutäuschen. Nachdem die Stadt erst-instanzlich zu Dreivierteln (im Berufungsverfahren dann zu 100 Prozent) gegen die BI verloren hatte, sprach Bürgermeister Edwin Schneider immer noch von einem Prozess-Erfolg der Stadt und gab mehrfach falsche Auskünfte über den Verfahrensstand. Und nach der erstinstanzlichen Prozessniederlage im Abwasserstreit ließ die Verwaltung nichts unversucht, um noch eine dritte Rate der rechtswidrigen Vorauszahlungen bei den Bürgern einzutreiben. Selbst nach der doppelten Prozessklatsche im Wasser- und Abwasserverfahren tat man so, als sei die Stadt prinzipiell im Recht gewesen und nie-mand für zwei Millionen Euro zusätzlicher Schulden (Prozesskosten und Rückzahlungen der rechtswidrig erhobenen Vorausleistungen) verantwortlich.  

Auf diesen bleiben nun die düpierten Ulrichsteiner sitzen. Noch vor kurzem stellte man ihnen Ulrichstein als "das Land, wo die Zitronen blüh'n" dar; mittlerweile stellen sie fest,  dass sie "mit Zitronen gehandelt" haben. So präsentiert man ihnen neuerdings unter dem Mantra "Irgendwo muss das Geld ja her kommen!" ständig höhere Rech-nungen für kommunale Leistungen und Abgaben. Und plötzlich müssen Haushaltslöcher gestopft werden, die es angesichts der angeblichen Millionengewinne aus städtischen Windparks und zusätzlichen Gewerbesteuereinnahmen eigentlich gar nicht geben dürf-te. Nun auf einmal sind es fehlende Zuweisungen des Landes und erhöhte Kreisum-lagen, die den "Wohlstand durch Windkraft" verhindern.

Es ist unübersehbar, dass das an sich unterstützenswerte Ziel, durch Erschließung eines neuen wirtschaftlichen Fundaments (Nutzung regenerativer Energien) den demo-grafischen und wirtschaftlichen Schrumpfungsprozess aufzuhalten, der laut einer Studie des Berlin Instituts aus dem Jahr 2011 die Entwicklung im Vogelsbergkreis kennzeich-net,  in Ulrichstein nicht erreicht wurde. Im Gegenteil: Je mehr Windkraftanlagen rund um die historische Kernstadt emporwuchsen, um so stärker entvölkerten sich seine neun Stadtteile. Da nützt es wenig, wenn die Ulrichsteiner Haushälter gebetsmühlen-artig wiederholen, dass es "ohne die Erträge aus der Windkraft [...] düster für die Stadt" aussähe (siehe zuletzt Lauterbacher Anzeiger vom 23.01.2016, S. 24), zumal nie offengelegt wird, welche Kosten den angeblichen Erträgen gegenüber stehen. Und wenn gar darauf hingewiesen wird, dass die vorgelegten Haushaltspläne nur dann zu realisieren seien, "wenn die vereinbarten Entgelte aus der Windkraft erzielt werden könn(t)en", so verbergen sich hinter solchen Formulierungen schwer kalkulierbare Risi-ken, die aus "Vereinbarungen" resultieren, die juristisch offenbar nicht abgesichert sind.       

Man muss kein Prophet sein, um vorhersagen zu können, dass die amateurhafte Ent-scheidung für die Monostruktur einer "Windkraftgemeinde" sich in Zukunft bitter rächen werden. Der Fisch beginnt bekanntlich am Kopf zu stinken. Und auch die missliche Situation, die sich aufgrund der Vernachlässigung des Tourismus zu Gunsten der systematischen Landschaftszerstörung abzeichnet, hat in den Köpfen der "Entschei-dungsträger" begonnen, die allem Anschein nach das öffentliche Wohl und den privaten Vorteil nicht immer sauber voneinander zu trennen wussten.

 

Zu oft auf's falsche Pferd gesetzt... 

 

"Wer darniederliegt, über den laufft iederman..." Ulrichstein, das von alters her auch oberhessisch "Mull-staa" genannt wurde [ was allerdings nicht hochdeutsch als Mü(h)lstein zu übersetzen ist, sondern sich von dem noch älteren Namen Molestine (mittelhochdeutsch  mol, mole = Eidechse und stin, stine = Stein, Steine) herleiten soll ], hat nur selten glückliche Zeiten erlebt. Im 30-jährigen Krieg noch mit Wällen und fünf Toren stark befestigt, büßte die Stadt ihre strategische Bedeutung aufgrund der militärtechnischen Ent-wicklung (Aufkommen der Artillerie) bald darauf ein und erlebte in den nachfolgenden Jahrhunderten neben dem politischen Bedeutungsverlust auch einen starken wirtschaftlichen Niedergang. Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) wurde die Stadt stark in Mitleidenschaft gezogen. Bei einem Großbrand am 1. Februar 1763, verursacht durch ein Kind, das mit von abrückenden Truppen zurückgelassenem Schießpulver spiel-te, wurde die Ulrichsteiner Altstadt fast völlig vernichtet. Die Stadt verarmte. Zwischen Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts gab es verschiedene Hungersnöte. Viele Bewohner Ulrichsteins wanderten aus, und ihre verlassenen Häuser verfielen. Wiederholt sich nun die Geschichte? 

 

1. Feriendorf ohne nachhaltiges Konzept

Die Erwartung, dass das Großprojekt "Feriendorf Ulrichstein", eine mit reichlich EU- und Zonenrandförderung gesponserte Infrastrukturmaßnahme nach dem so genannten „Bauherrenmodell“ (hohe Sonder-Afa für die privaten Investoren) zu einer nachhalti-gen Belebung des Tourismus führen werde, konnte sich nicht erfüllen. Und die Gründe hätten schon damals bekannt sein können. Bereits Ende der 1970er Jahre - das Ferien-dorf Ulrichstein war noch längst nicht gebaut - wurde im Zusammenhang mit dem Boom solcher Projekte vor dem "Entstehen touristischer Spekulationsruinen und Geisterstädte" (WOLF, 1978, zitiert nach Heintze) gewarnt. Gottfried Heintze begrün-det dies in seinem Aufsatz  "Freizeitwohnen und Landschaft" (Heft 57/1990 der Schrif-tenreihe des Deutschen Rates für Landespflege) damit, dass die "Haupttrieb-feder" kommerzieller Feriendörfer auf der grünen Wiese Unternehmer oder Kapitalge-sellschaften gewesen seien, die "zunächst überwiegend an dem Gewinn aus der Er-richtung der Gesamtanlage interessiert sind, weniger aber an dem anschließenden Be-trieb als Feriendorf". Hier liege sicherlich auch ein Grund dafür, "dass manche Feriendörfer schon kurz nach der Eröffnung in Schwierigkeiten gekommen" seien, "weil man das Management der Träger- und Vermietungsgesellschaften mit der 'linken Hand' betrieben" habe, so dass "von Anfang an [...] ein gewisses Risiko" bestanden habe, "dass spätestens nach Auslaufen der Vermietungsauflage die Häuser für den Fremden-verkehr nicht mehr zur Verfügung" gestanden hätten, "sondern als Wochenendhaus-gebiete oder Dauerwohnsitze genutzt" worden seien, "obwohl dies ja gerade laut entsprechender Forderungen des HLROP verhindert werden sollte und die Förderung dieser Feriendörfer durch öffentliche Mittel dadurch geradezu grotesk" geworden sei. 

1982, das „Feriendorf Ulrichstein“ war kaum eröffnet, berichtete das Nachrichtenmaga-zin DER SPIEGEL:

>> "Ferien + Rendite" heißt die Zauberformel. Sicher und lukrativ, so wird ver-heißen, ließe sich überflüssiges Geld in Feriendörfern anlegen. Das Ferienglück liegt angeblich nicht mehr nur an den Küsten ferner Meere, wo es solche Touristendörfer schon länger gibt. Mit Hochglanzprospekten, die "herrliche, unverbrauchte Natur" anpreisen, werden jetzt die Hänge und idyllischen Talwinkel der deutschen Mittel-gebirge vermarktet. Energiekrise und Rezession, so fabulieren die Werber, hätten dafür gesorgt, dass der Deutschland-Urlaub "der neue Hit im Freizeitgeschäft" sei. Dabei gehe der Trend weg von den Hochhausbetonbunkern und Bettensilos, die seit Jahren bereits die Ostsee-Strände verschandeln; gefragt sei nun der an-heimelnde Dorf-Look des "Ferienparks der neuen Generation".

Den Käufern der Ferienhäuschen winken scheinbar mühelos erzielbare "gute und sichere Mieteinnahmen", weil sich "die Reiseveranstalter um diese Ferienobjekte reißen". Doch die Werbesprüche haben mit der Wirklichkeit nicht viel gemein. Weder Reiseveranstalter noch Erholungsuchende sind besonders versessen auf Plätze in deutschen Feriendörfern. Verdient haben an den Erholungssiedlungen bis-her vornehmlich Bau- und Boden-Manager. 

[...] Die Gesellschaften halten auch allerlei Beiwerk parat: Hallenbad, Sauna und Solarium, Tennis- und Reithallen, Einkaufscenter, Restaurants und Kegelbahnen. Diese Vergnügungsstätten, von stimmungsmachenden Animateuren belebt, sollen den entscheidenden Konkurrenznachteil der Feriendörfer in deutschen Mittelge-birgen ausgleichen: dass es an Meeresstrand und Sonnenlicht mangelt.

[...] Allzu häufig jedoch half all der touristische Schnickschnack nicht - die nötigen Gäste blieben aus. "Die Konkurrenz ist riesig", gibt Pölzelmayer zu bedenken, "und die Konkurrenz ist ganz Europa, nicht bloß das Feriendorf nebenan." Und weil die Restaurants Kosten machen, weil Reithallen und Hallenbäder auf Pump gebaut wurden, ist der Konkurs der Trägergesellschaften nicht selten fällig.

Um den abzuwenden, reicht es meist noch nicht mal, wenn die Betten in der Ferienzeit voll sind. In den restlichen zehn Monaten des Jahres muss das Wochenendgeschäft brummen. Betriebsausflüge, Konferenzen und Seminare oder "Müllers tolle Kegeltouren" sollen zusätzliche Einnahmen bringen.

Da ist nur das Dilemma, dass die Gäste, für die das als "familienfreundlich" ange-priesene Feriendorf eigentlich gedacht war, solche "Stimmung wie in der Rüdes-heimer Drosselgasse" (Müller-Buchhof) meist weniger mögen und am Ende einfach wegbleiben. Zumal der Spaß so ganz billig ja nicht ist.

Im Ferienpark Kirchheim beispielsweise kostet ein Sommerlogis für ein bis drei Personen pro Woche mindestens 845 Mark, im Eifel-Ferienpark Daun sind für sieben Tage Wohnrecht im 75-Quadratmeter-Bungalow gar 1070 Mark zu ent-richten. Das Hessische Umweltministerium fand heraus: "Die Tagesmieten für eine vierköpfige Familie in einem solchen Feriendorf sind im Durchschnitt etwa doppelt so teuer wie der Aufenthalt in einer gleichwertigen privaten Ferien-wohnung oder im Rahmen des Programms Urlaub auf dem Bauernhof." 

Fatal für die Feriendorf-Verwalter: Schon wenn die Anlage übers Jahr nur zur Hälfte ausgelastet wird, ist der Betriebsaufwand gemeinhin nicht mehr zu erwirtschaf-ten. Bleiben die Gäste aus, dann gehen auch die Rechnungen der Kommunal-politiker aus der anliegenden Gemeinde nicht auf. Mit Millionen haben sie Straßen und Parkplätze, Strom- und Wasserleitungen für die vermeintlich zahlungskräftigen Touristen gebaut. All das zahlt sich nicht aus, wenn die Dörfer nur im Juli und August ausgebucht sind.<< 

Genau wie oben beschrieben, entwickelten sich die Dinge auch im "Feriendorf Ulrich-stein". Bereits nach wenigen Jahren versiegte der Besucherstrom: Zu teuer, zu wenig familienfreundlich, zu wenige Attraktionen. Nun versuchte die "Ferienpark-Ulrichstein GmbH", die Ferienhäuser als Sommerresidenzen oder Alterswohnsitze an Besserver-diener aus dem Rhein-Main-Gebiet zu verhökern. Dies gelang aber nur zu etwa 60 Pro-zent. Ruheständler nutzten die Ferienhäuser oft illegal als Dauerwohnsitze, bis der "Ferienpark Burgblick" (aktuell nur noch "Burgblick") 2010 durch einen neuen Bebau-ungsplan zum regulären Wohngebiet erklärt wurde. Zwar waren Presseberichten zu-folge immer wieder einmal Maßnahmen zur Neubelebung des Rumpf-Feriendorfs im Ge-spräch. Die in Umlauf gesetzten "Erfolgsmeldungen", wie etwa die Aufnahme eines "Seminarbetriebs" unter Einbeziehung der noch unverkauften Ferienhäuser, erwiesen sich aber als zu optimistisch.

 
"Touristische" Fehlentscheidung bereits vor 200 Jahren: 
Die Ulrichsteiner Burg aus dem 12. Jahr-hundert, die Anfang des 19. Jahrhun-derts noch vollständig erhalten gewesen sein soll, wurde im Jahr 1826 an einen Privatunternehmer verkauft, der sie in 1835/1836 zu großen Teilen abbrechen ließ, um die Steine als Baumaterial für verschiedene Neubauten in Ulrichstein verkaufen zu können. So vermauerten die Ulrichsteiner eine zukünftige Frem- denverkehrsattraktion in ihren Ställen.  

   Burg Ulrichstein, etwa um 1600 

 

2. "Rasante Entwicklung" vom Natur- zum Industriepark 

Weil der anheimelnde „Ferienpark der neuen Generation“ sich nicht als nachhaltig erwiesen hatte, setzten die Stadtoberen seit Ende der 1980er Jahre auf eine neue, vermeintlich nie versiegende Einnahmequelle: Die erneuerbaren Energien. Durch die zahlreichen windexponierten Höhenrücken innerhalb seiner Gemarkung bot Ulrichstein von Natur aus günstige Voraussetzungen für die Nutzung der Windkraft. Messungen be-stätigten sogar, dass es sich hier um ein besonders „windhöffiges“ Gebiet handele.

Als das Land Hessen und der kommunale Energieversorger OVAG Ende der 1980er Jahre mit der Planung eines ersten Windparks in einem deutschen Mittelgebirge be-gannen, der als Pilotprojekt zum vergleichenden Versuchsbetrieb verschiedener Wind-kraftanlagen gedacht war, rechnete sich Ulrichstein gute Chancen aus, bei der Stand-ortwahl berücksichtigt zu werden. Aufgrund der Lage der Stadt in einem  Landschafts-schutzgebiet wurde der Versuchswindpark (Windenergiepark Vogelsberg) dann aber 1990/91 bei Hartmannshain in der Gemeinde Grebenhain gebaut.

Doch schon drei Jahre später spielte der Landschaftsschutz wohl keine so entschei- dende Rolle mehr. Es begann eine rasante Entwicklung vom Naturpark zum Wind- industriepark. 1994 errichteten die Landesenergieagentur „hessenENERGIE“  - damals in Besitz des Landes Hessen und öffentlicher Banken, heute zu 100% in Besitz der OVAG AG - und die „hessenWIND Energieanlagen-Gesellschaft“ in der Gemarkung des Ulrichsteiner Stadtteils Ober-Seibertenrod (Flurbezeichnung: „Auf der Platte“) den ersten kommerziellen Windpark Hessens. 1996 wurde der Standort "Auf der Platte" um einen zweiten Windpark erweitert. Wiederum eine Pioniertat, denn es handelte sich sogar um den bundesweit ersten Windpark in Form eines kommunalen Eigenbe-triebs. 1997 errichtete die OVAG zwecks Einspeisung des in den Windparks erzeugten Stroms ein eigenes Umspannwerk in Nachbarschaft des städtischen Bauhofs (im Jahr 2011 erweitert).

1999 kündigte die neugewählte CDU/FDP-Regierung den Verkauf sämtlicher Anteile des Landes an der hessenEnergie an, die 2002 von der OVAG erworben wurden, so dass seither der Windpark-Betrieb in Ulrichstein allein über die OVAG bzw. deren Be- teiligungsgesellschaften (hessenENERGIE und hessenWIND) erfolgt. Ebenfalls 2002 gründete die Stadt den kommunalen Eigenbetrieb "Stadtwerke Ulrichstein", unter dessen Dach neben den kommunalen Windparks auch die Wasserversorgung sowie weitere städtische Einrichtungen betrieben werden.

Als Ulrichsteiner Besonderheit wird immer wieder die Initiierung so genannter "Bürger-beteiligungsgesellschaften" bzw. "Bürgerwindparks" durch die hessenWIND hervor-gehoben, in denen "das finanzielle Engagement von Kleinanlegern zusammengeführt wurde, die Interesse an ökologischen Investitionen bekundeten" (O-Ton hessenWind). Im Jahr 2003 entstand "Auf der Platte" - wiederum als erster seiner Art - der "Windpark Ulrichstein". Dieser "Bürgerwindpark" wurde aber ebenso wie der "Kommunale Wind-park" 2012 komplett abgebaut. Es folgte die Liquidation der Betreiber-Gesellschaft "hessenWIND I" im Jahr 2013. An der Stelle der 13 abgebauten WEAs entstanden im Rahmen eines Repowering-Projekts sieben Neuanlagen, die sich im Alleineigentum der OVAG AG befinden. 

Als weitere "Bürgerbeteiligungsgesellschaft" folgte 1995 die hessenWIND II am Stand-ort "Goldener Steinrück" bei Helpershain. An diesem Projekt, das neben Helpershain noch zwei weitere Standorte außerhalb Ulrichsteins umfasste, beteiligten sich 398 Kom-manditisten mit einem Einlagekapital von rund 3 Mio. Euro.

Am Standort "Alte Höhe" in Ulrichstein besteht seit dem Jahr 2000 ein Windpark mit 10 WEAs, der 2007 erweitert wurde. Zwei der Anlagen werden von der Bürgerwind Ulrich-stein Betriebs GmbH & Co. KG (Gründung 2009 mit 137 Kommanditisten aus Ulrich-stein und anderen Gemeinden des Vogelsbergkreises) betrieben. Zwei weitere gehören der hessenENERGIE. Die restlichen sechs WEAs bilden den kommunalen Windpark der Stadtwerke Ulrichstein. Ein vierter Bürgerwindpark ist seit Anfang 2012 unter der Be-zeichnung „Bürgerwind Zwirnberg GmbH & Co. KG“ projektiert.   

Aktuell weist Ulrichstein fünf Windpark-Areale („Auf der Platte“„Alte Höhe“,  „Goldener Steinrück“„Ulrichsteiner Kreuz“ und Rebgeshain) mit (laut Wikipedia) zusammen 70 Anlagen auf. Andere Quellen sprechen von nur 53 Anlagen in 7 Windparks. 

Wie dem auch sei: Die hohe Zahl und Dichte der Windanlagen führte zu einer Industria-lisierung der Ulrichsteiner Gemarkung und zu erheblichen Beeinträchtigungen des Land-schaftsbildes. Zwei Prozent der Landesfläche sollen in Hessen für die Windenergie aus-gewiesen werden. Zukünftig! Ulrichstein liegt bereits heute deutlich über dieser Ziel-projektion. Und ginge es nach dem Willen der Stadtoberen, wäre noch lange nicht Schluss. Pläne für einen weiteren Ausbau liegen bereits in der Schublade. Doch das Regierungspräsidium Gießen pocht mittlerweile auf eine gleichmäßigere Verteilung der WEAs auf die hessischen Landkreise. Aus Rücksicht auf den Naturschutz. Jetzt auf einmal.

 

3. "Modernes Ortsbild" - auf Kosten der historischen Altstadt!

 

Link zur Bildquelle

Erzählt gern mal Geschichten, wie hier beim Lichterfest des Vereins zur Erhaltung der Burgruine im Jahr 2012: Ulrichsteins Bürgermeister Edwin Schneider (rechts). Oder wie hier: ​

Wie hieß es doch so schön in den Empfehlun-gen der bereits zitierten HAL/IWU-Studie "Per-spektiven für Ulrichstein"

"Die Förderung des Tourismus z.B. erfordert einen pfleglichen Umgang mit der Landschaft und der vorhandenen Bausubstanz."

Dass die Ulrichsteiner Politik mit der umge- benden Landschaft nicht gerade pfleglich um-gegangen ist, ergibt sich schon aus dem vor-hergehenden Kapitel. Doch wie sieht es mit der "vorhandenen Bausubstanz" aus? Hier zu-nächst einige Beschreibungen aus der Sicht von Lesern des Beitrags:  "Wohlstand durch Wind- kraft" auf dem Online-Portal "Wetterauer Land- bote":   

"...seitdem der ehemalige Bürgermeister Horst der Industrialisierung in den Wäldern Vorrang eingeräumt hat und Herr Schneider in seinem Sinn weiter agiert, bleiben ruhesuchende Feriengäste aus. Wie Sauerbier werden ehemalige Ferienhäuser auf dem Immobilienmarkt feilgeboten. Verfallene Häuser in Ulrichstein allgegenwärtig, unverkäuflich. Ein riesiges Hotel verfällt, Gastrono- miebetrieb im Ferienhausgebiet verfällt, sogar das alte Rathaus verfällt."

"Als ich vor 15 Jahren in den Vogelsberg kam, war Ulrichstein für Touristen „das Tor zum Vogelsberg“. Heute gibt es nur noch ein Hotel, vielerorts sind die Fenster mit Brettern vernagelt. An wieviel Häusern hängt den das „zu verkaufen“? Und Strom für 60.000 Menschen? Ja, aber nur wenn der Wind weht. Das tut er meistens nicht. Der häufigste Betriebszustand eines Windrades ist der Still-stand! Dann machen Windräder auch keinen Lärm, ansonsten verlärmen sie ganze Landstriche, nachts blinkt im Vogelsberg der Horizont." 

"Wir fürchten keinen Rückgang des Tourismus in unserer Gegend, wenn er auch ein Anzeichen dafür ist, wie unsere Landschaft inzwischen aussieht, wir fürchten vielmehr um unsere Heimat, unsere Landschaft und Natur, die das einzige ist, das wir haben. Windkraftanlagen sind sehr teure Industrieanlagen, die unregel-mäßig und nicht planbar Strom liefern, die Landschaft großflächig verschandeln, sehr wohl laut sind und nur einigen wenigen Menschen einen monetären Gewinn bringen."                                                                                     Link zur Quelle

Gewöhnlich kann man den Wohlstand einer Stadt am Ortsbild ablesen. Doch in Ulrich-stein fällt - kommt man aus der Grünberger Richtung - unterhalb des Schlossbergs nur eine vernachlässigt wirkende Altstadt auf, an die sich in östlicher Richtung ein Neubau-gebiet mit reichlich vielen unbebauten Parzellen anschließt. So hat man vielerorts die Landschaft zersiedelt und die Geschlossenheit der Ortsbilder zerstört. In Ulrichstein wurde offenbar weit über den tatsächlichen Bedarf hinaus geplant. Dies gilt auch für das zwar repräsentative, aber für eine "Stadt" mit weniger als 3000 Einwohnern in insgesamt 9 Ortsteilen deutlich überdimensioniert wirkende „Innovationszentrum“ am Ende der Marktstraße (Hauptstraße des Altstadtbezirks). Der im Jahr 2003 einge-weihte Mehrzweckbau, der Rathaus, Verwaltung, Stadtarchiv, Feuerwehr- und Notarzt-Stützpunkt, eine Mehrzweckhalle sowie ein „Seminarhaus Windkraft“ unter einem Dach vereint, ist für Veranstaltungen und Besucherzahlen konzipiert, die es dort wohl nie-mals geben wird.

Vielleicht hätte man sich besser auf die Pflege des Zentrums rund um den Schloss- berg konzentriert, anstatt dem Ortsbild ein "modernes Gesicht" geben zu wollen. So wäre das Anheimelnde der kleinen Bergstadt erhalten geblieben und die heutige Zer-siedelung vermieden worden. Wo entsprechend gehandelt wurde, hat sich dies für den Tourismus, Handel und Gewerbe immer ausgezahlt. Eine Bestätigung findet man zum Beispiel im nahen Grünberg, in Lauterbach, Alsfeld, Gedern, Schlitz und Ortenberg. Dort konnte die Atmosphäre kleiner, gemütlicher Landstädte bewahrt werden. Wo man hingegen besonders "modern" sein wollte, bietet sich heute ein deprimierendes Bild, so etwa rund um die Laubacher Tiefgarage, für deren Errichtung einige der eindrucks-vollsten Fachwerkhäuser der Altstadt geopfert wurden, oder eben in der Ulrichsteiner Marktstraße, wo es nur noch dreimal jährlich überhaupt ein Markttreiben (Petrimarkt, Jakobimarkt, Weihnachtsmarkt) gibt und man ein Ortszentrum mit repräsentativ her-gerichteten Altbauten, besonderen gastronomischen Angeboten, attraktiven Geschäf-ten (z.B. mit typischen regionalen Produkten) o.ä. vergebens sucht. Ein Blick in die HAL/ IWU-Studie verrät, dass Programme zur umfassenden Kernstadtsanierung, denen die vorgenannten Städte ihr heutiges attraktives Aussehen verdanken, für die Kern-stadt Ulrichsteins nie in Anspruch genommen wurden. Lediglich für den Ortsteil Unter-Seibertenrod wurden Mittel aus dem Dorferneuerungsprogramm beantragt, um das Dorfgemeinschaftshaus zur "kulturellen Mitte" des Ortsteils auszubauen. Ob ein größe-res DGH angesichts des Bevölkerungsschwunds einer laut "Berlin Institut" vom demo-grafischen Niedergang bedrohten Region sinnvoll war, muss allerdings dahingestellt bleiben.    

Das direkt an das Kernstadtgebiet angrenzende Wohngebiet "Burgblick" (ehemals "Feriendorf Ulrichstein", danach "Ferienpark Burgblick") bietet zwar insgesamt noch einen akzeptablen Anblick. Allerdings sind trotz einer in letzter Zeit forcierten Dauer-vermietung der kleineren Ferienhäuser immer noch erhebliche Leerstände vorhanden. Auch das ehemalige "Zentralgebäude" mit großzügiger Gastronomie, Hallenbad usw. wird nicht mehr genutzt und zeigt bereits Anzeichen beginnenden Verfalls, zu denen insbesondere auch eine ungenehmigte Deponie für ausrangierte Baumaterialien, behandelte Hölzer, alte Möbel usw. auf der Rückseite beiträgt. Eines der in Privatbesitz befindlichen Appartementhäuser wurde von seinem Besitzer offensichtlich aufgegeben und erscheint nicht mehr bewohnbar. In letzter Zeit gerieten mehrere Alteigentümer in die Zwangsversteigerung. Ihre Immobilien wechselten zu Spottpreisen den Besitzer.

Die kleineren Typenhäuser sind häufig von abenteuerlichen Anbauten oder zahl- reichen Garten- und Gerätehäusern umgeben. Dies deutet auf eine beschränkte Eig- nung der ehemaligen Ferienhäuser für die Dauerwohnnutzung hin (fehlender Keller- und Bodenraum, knapper Stauraum im Innern).    

Offenkundig fehlt es für das Wohngebiet an einem umfassenden Quartierskonzept und an neuen Ideen für die Nutzung der unverkauften Restimmobilien. In der HAL/IWU-Studie "Perspektiven für Ulrichstein" von 2009  heißt es zur Zukunft des ehemaligen Feriendorfs:

„Die Ferienhaussiedlung Burgblick sollte reaktiviert werden. Eine gute Markt-chance haben Feriensiedlungen, die mit einem bestimmten Angebot an Infra-struktur insbesondere für Kinder und Tage mit schlechtem Wetter aufwarten können. Die deutschen Mittelgebirge können als Ferienziel auch für Touristen aus anderen europäischen Ländern (z.B. Holland) attraktiv sein. Der derzeitige Stan-dard des Feriendorfes „Burgblick“ kann Ansprüche an ein erweitertes Angbot nur bedingt erfüllen. Zudem ist die Mischung von Ferienwohnungen und Dauer-wohnsitzen bzw. rein privat genutzten Ferienhäusern dem Tourismus nicht zuträg-lich."

Trotz der hier geäußerten Einschränkungen wäre noch genügend Ausbau- und Nach-verdichtungskapazität vorhanden, eventuell in Verbindung mit einem Campingplatz. Dass Feriendörfer mit der richtigen Konzeption noch immer gut laufen können, zeigen die beiden Einrichtungen in der benachbarten Stadt Herbstein (siehe hierzu mein Leserbrief an den Lauterbacher Anzeiger vom 1. Aug. 2015). Von daher ist es unver-ständlich, dass man nie ernsthafte Anstrengungen unternommen hat, das Feriendorf neu zu konzipieren oder mit der Anlage eines Camping- bzw. Glamping-Platzes zu verbinden, wie die HAL/IWU-Studie dies empfiehlt und wie es sich in Anschluss an die Anlage des bereits realisierten Wohnmobilstellplatzes und des vorhandenen Bade-biotops als tourismusfördernde Maßnahme eigentlich auch aufdrängt.

Auf Privatinitiative hin und unter Einbeziehung einer weiteren Empfehlung der HAL/ IWU-Studie, nämlich "die Attraktivität als Wohnstandort, z. B. für Rentner, zu er- höhen und so von deren Kaufkraft zu profitieren", wurde zur Reaktivierung der ehe- maligen Ferienhaussiedlung ein Seniorendorfkonzept entwickelt und der Stadt Ulrich-stein vorgestellt. Die Unterstützung war jedoch gleich Null bzw. bestand darin, den Initiatoren Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Erst distanzierte sich der Bürger-meister unter dem falschen Vorwurf, die Initiatoren hätten mit ihrem schriftlichen Kon-zept das örtliche Seniorenheim schlechter Pflegeleistungen bezichtigt, von dem Pro-jekt. Dann fanden Trittbrettfahrer bei der Stadt zumindest passive Unterstützung, die mit dem Narrativ einer Nachbarschaftshilfe und eines Senioren-Wohnprojekts lediglich den Absatz der seit dreißig Jahren leerstehenden Restimmobilien der "Feriendorf Ulrich-stein GmbH" anzukurbeln hofften. Unbehelligt vom Gewerbeamt der Stadt konnte ein angeblicher "Projektentwickler" im Wohngebiet Burgblick eine Immobilien-Agentur er-öffnen und monatelang als Makler ohne Gewerbeschein und Gewerbeerlaubnis dort sein Unwesen treiben. Sein Gegenkonzept "Siedlung Burgblick" soll er zuvor sogar im Rat- haus vorgetragen haben. Es bedurfte wiederum des privaten Einschreitens, um den "Immobilienhai" und "Siedlungs-Guru" aus dem Wohngebiet zu vertreiben. Er selbst oder seine zahlreiche Anhängerschaft revanchierten sich durch eine Falschbeschuldi-gung von seltener Niedertracht: Wenige Tage nach der Flucht des Betreffenden standen zwei Kriminalbeamte aus Friedberg vor der Tür des Bürgerbüros, um nach einem Kindsmörder zu fahnden, der sich 2009 in Bobenhausen I an einem kleinen Mädchen vergangen haben soll. Es sei ein "Hinweis aus der Bevölkerung" eingegangen. Ja, auch mit so etwas muss man rechnen im "schönen Ulrichstein".

 
 

 

Lachnummer "Innovationszentrum"

"An das Rathaus angeschlossen ist das Innovationszentrum als überregionale Ver-anstaltungsstätte", berichtet die HLA-Studie auf Seite 24. Und weiter heißt es:   "Auch für das Innovationszentrum spielt die Windkraft eine wichtige Rolle. Derzeit können aber nur Tagesseminare veranstaltet werden, weil Übernachtungskapazi- täten fehlen, die den heutigen Anforderungen der Gäste (Sauna etc.) entsprechen würden. [...] Unternehmerische Innovationen setzen Wissen voraus. Energie aus Biorohstoffen und Windenergie sind Zukunftsthemen, die für Investoren und Tech- niker von Interesse sind. Es sollten daher in Zusammenarbeit mit Trägern tech- nischer und beruflicher Fortbildung, z.B. der Handwerkskammer und Berufsfach-schulen, Seminare veranstaltet und überregional beworben werden (a.a.O., S. 45).

Hier wird höflich umschrieben, dass dem angeblichen "Innovationszentrum" nicht nur Übernachtungskapazitäten, sondern vor allem die fachlichen und geistigen Ka- pazitäten mangeln. Von wegen "Innovation-City Ulrichstein"! Und dies trifft nicht nur auf das 3000-Einwohner-Städtchen, sondern gleich auf die gesamte Region zu!

"Zum Zwecke der Ausbildung (Universität, Berufsausbildung) verlassen über-durchschnittlich viele junge Menschen den Vogelsbergkreis und kehren häufig nicht zurück. [...] Die Studie des Berlin-Instituts zur Zukunftsfähigkeit deut-scher Landkreise sieht demografische Veränderungen (Bevölkerungsabnahme bei gleichzeitigem Anstieg des Durchschnittsalters) voraus. Der relativ geringe Anteil von Hochqualifizierten an der Wohnbevölkerung deutet nach dieser Studie auf eine geringe Innovationsfähigkeit hin."

Quelle: Hessencampus Vogelsberg

Und was bitte mögen sich die Väter des Ulrichsteiner Innovationszentrums unter "Innovation" vorgestellt haben? Offensichtlich einen Zustand, der sich in einer Art "Innovations-Museum" ausstellen lässt: "Schaut nur, wie wahnsinnig innovativ es in Ulrichstein zugeht!" Doch Innovation ist ein Prozess, der nie zum Stillstand kommt und in dem die technischen Revolutionen immer schneller aufeinander folgen, so dass schon der österreichische Ökonom Schumpeter (1883-1950) Innovation als "schöpferische Zerstörung" definierte. Und so sind auch die Ulrichsteiner Windräder, auf deren innovatives Potenzial man gesetzt hatte, inzwischen Schnee von gestern! In einem echten Innovationszentrum würden die Menschen erfahren, wohin die technische und energiewirtschaftliche Entwicklung steuern, während die Ulrich-steiner  noch ihre Windrad-Saurier abbezahlen. Hier ein paar Hinweise:

Armes kleines Ulrichstein! Dein "Zentrum für Windräder-Reklame" hat leider keine Zukunft und war als "Innovationszentrum" immer etliche Nummern zu groß für eine Kleinstadt fernab der Industriezentren und Denkfabriken. "Gerade Menschen, die zukunftsfähige Visionen und Ideen haben, hielten sich mit Ideen zurück“, beschreibt
eine Arbeitsgruppe Ulrichsteiner Bürger höchst realistisch das mangelnde "Innova-tionsklima" in ihrer Heimatstadt (siehe HLA-Studie, S.47). Und schnell findet man weitere Belege:

"Am 28.05.2015 fand im "Spiegelsaal" des Ulrichsteiner Informationszen-trums eine Veranstaltung statt, in der sich die Nachbarschaftshilfe-Vereine "Angersbach Aktiv" und "Nachbarschaftshilfe Schotten (NHS)" mit ihrer Arbeit vorstellten. Einen Pressebericht finden Sie unter folgendem LINK. [...] Der Versuch, einen eigenen Nachbarschaftshilfe-Verein für ganz Ulrichstein zu grün-den, ist sang- und klanglos gescheitert. Eine von den Befürwortern einer Ver-einsgründung gestartete Fragebogenaktion mit dem Ziel, die Meinung der Bür-ger in Erfahrung zu bringen, erbrachte einen so geringen Rücklauf, dass man dies als Ablehnung des Vorschlags wertete."

(Link zur Quelle)

 

"Nur ein halbes Dutzend Zuhörer waren jetzt zum Politischen Stammtisch des SPD-Ortsvereins Ulrichstein in das Ristorante 'Ätna' gekommen, obwohl das Thema: 'Breitbandanschluss, der Anschluss der Zukunft' sehr aktuell und interessant war."

                                                                                                (Link zur Quelle

 

Da hätte ein "Innovationszentrum" in Ulrichstein vielleicht ganz andere Aufgaben, als eine überholte Windräder-Technologie populär zu machen. Heißt es doch in der HLA-Studie, S.50:

"Die Bürger sollten ermutigt werden, neue Ideen zu entwickeln. Dazu könnte z.B. ein Wettbewerb „Neue Ideen für Ulrichstein“ zu bestimmten Fragen aus-geschrieben werden [...]. Verstärkt sollten Menschen dazu bewegt werden, sich zu engagieren und aktiv zu sein bzw. zu bleiben. Das bürgerschaftliche Enga-gement kann nicht allein von wenigen Aktiven getragen werden. Auch die Menschen „in der zweiten Reihe“ sollten daher gezielt und persönlich ange-sprochen werden. Bei den Bürgern sollten Ängste vor „Neuem“ und „Neuen“ abgebaut werden." 

 

4. Illusionäre Verbindung von Windindustrie, Naturschutz und Tourismus

Führungen durch den Windpark „Auf der Platte“ anzubieten und einen „Windenergie-lehrpfad“ auszuweisen, um "die Windenergie in das Tourismusangebot der Stadt Ulrich-stein einzubinden", können nicht mehr sein als eine Art Feigenblatt, hinter dem die Ver-nachlässigung des Tourismus verborgen werden soll. Dasselbe gilt für die Behauptung, dass die höchste Windraddichte unter allen Vogelsbergorten zu einer vermarktbaren Alleinstellung Ulrichsteins führen werde, wie dies im Zusammenhang mit der Einrich-tung des „Seminarhauses Windkraft“ propagiert wurde. Zwar hat man auch in anderen Ferienregionen einen solchen Spagat zwischen Natur und Technik versucht (Beispiel Küstenregionen) und auf den "Neugiertourismus" gesetzt. Tatsächlich mag es auch zu-treffen, dass sich das Buchungsverhalten der Gäste durch küstenferne wie küstennahe Offshore-Projekte an Nord- und Ostsee nicht wesentlich verändert hat. Dennoch er-scheint eine Gleichsetzung mit Vogelsberger Verhältnissen sehr problematisch. Einmal ist die Attraktivität der Küstenregion als Urlaubsgebiet traditionell viel ausgeprägter  als diejenige des Vogelsbergs, der als eigenständige Destination in den Katalogen der Reiseveranstalter überhaupt nicht vorkommt. Die Küstenregionen behaupten ihre Al-leinstellung zudem wesentlich leichter als ein Mittelgebirge, das namentlich unbekannt ist, sich das zentral beworbene Merkmal "vulkanischer Ursprung" mit mehreren anderen (bekannteren) Regionen (Vulkaneifel, Rhön) teilen muss und dem es insge-samt an spektakulären Eigenschaften mangelt. Zuletzt assoziiert man Windräder (fälschlich immer wieder als "Windmühlen" bezeichnet) eher mit "Küste" und "Meer" als mit einem Mittelgebirge, dessen landschaftlicher Charakter zudem in ganz anderer Weise beeinträchtigt wird, wenn die Linien sich endlos staffelnder Höhenzüge mit einem Wald aus blinkenden Masten markiert werden.      

Der Gedanke, Ulrichstein zu einer Art "Innovation-City" mit Naturpark-Charme zu pro-filieren, der sich ebenfalls mit dem "Seminarhaus Windkraft" verbindet, erinnert stark an das eingangs beschriebene Projekt, mit per LKW kastenweise angeliefertem Mineral-wasser einen Heilbadbetrieb zu simulieren. Ein Mekka der Windkraft-Experten oder -Interessierten hätte Ulrichstein nicht einmal zu Hochzeiten der Windkrafteuphorie wer-den können. Hier haben die Herren im Rathaus ein viel zu großes (Wind-)Rad gedreht und die Möglichkeiten vor Ort maßlos überschätzt. Denn ein "Innovationszentrum" oder ein "Seminarhaus" sind ohne ein entsprechendes wissenschaftlich-technisches bzw. technologisches (industrielles) Umfeld weder glaubwürdig noch ausreichend attraktiv. So bemängelt auch die HAL/IWU-Studie "Perspektiven für Ulrichstein", dass das "Semi-narhaus" kein Kompetenzzentrum mit eigenen Referenten, Programmen usw. darstelle, sondern lediglich eine Möglichkeit schaffe, Schulungsräume anzumieten.

Für die angestrebte Kombination von Erholungs- und Bildungsurlaub, Naturpark und Technologiepark fehlt eine konkret beschreibbare Zielgruppe. Vor Kurzem erst wurde festgestellt (siehe "Tourismusreport Hessen 2014"), dass der typische Hessen-Tourist der Best-Ager aus mittlerem Einkommensmilieu sei, der einen Ausgleich zu seinem hektischen Berufsalltag sowie Authentizität, Tradition und Heimat suche. Weiter wird ausgeführt:

"Außerdem werden zunehmend Themen wie Umweltbewusstsein und Nachhal-tigkeit verinnerlicht – große Teile der Bevölkerung erachten eine intakte Natur und die Regionalität von Produkten mittlerweile als selbstverständlich. [...] Vor allem ältere Menschen suchen in ihrem Urlaub Naturerlebnisse bzw. unternehmen natur-nahe Freizeitaktivitäten. [...] Parallel dazu kommt der aktuelle Tourismusreport des Zukunftsinstituts zu dem Schluss, dass der Erfolg einer Destination ganz wesentlich von der örtlichen Lebensqualität und den Bewohnern einer Destination abhängig ist." 

Die Verbindung von "Technologiepark" und Urlaubsregion bzw. die Vorstellung von Großanlagen der regenerativen Stromerzeugung als Attraktion für Neugiertouristen gehen nicht nur vollkommen an dem Bedürfnisprofil des typischen Vogelsbergtouristen vorbei. Sie stehen auch in Widerspruch zu einem langjährigen touristischen Vermark-tungskonzept, das auf der Geschichte des Vogelsbergs als einem der ältesten Natur-schutzgebiete der Bundesrepublik (erster Naturpark Hessens), Großprojekten zum Schutz seltener Arten und Pflanzenfamilien (Naturschutz-Großprojekt Vogelsberg) so-wie dem Landschaftsschutz im größten Vulkanfeld Europas (Geopark) aufbaut.

Gerade bei der "örtlichen Lebensqualität" und einer von Besuchern deutlich wahrnehm-baren Identifikation seiner Bewohner mit der "Destination" kann Ulrichstein immer weniger punkten. Wo man den "Ausverkauf unserer Heimat" beklagt, gehört "Wohlfühl-Heidi" in Harmonie mit der "heimischen Bergwelt" ganz sicher nicht zum atmo-sphärischen "All inclusive". Stattdessen dokumentiert die Webseite des SPD-Ortsvereins Ulrichstein, deren Rathausfraktion übrigens das Rückgrad der Windkraftlobby darstellt, dass immer mehr Einwohner der Bergstadt entnervt den Rücken kehren. Ab der Kom-munalwahl 2016 werde es nur noch die Hälfte der Stadtverordnetensitze geben, so ist dort nachzulesen, weil die Einwohnerzahl inzwischen unter 3000 gefallen sei. Statt der einstigen Aufbruchs- macht sich nun Endzeitstimmung breit. Je höher die Windrad-Monster in den Himmel ragen, um so kleinere Brötchen werden "auf dem Boden der Tatsachen" gebacken. Sehr typisch für diese Grundstimmung ist nachfolgender Bericht von einem Zukunfts-Workshop des Ulrichsteiner SPD-Ortsvereins:  

>> Große neue Themen anzugehen sei unter diesen Rahmenbedingungen nicht möglich und würde eine Erwartungshaltung wecken, die dann später bitter ent-täuscht werde, so der SPD-Ortsvereinsvorsitzende Karl Weisensee. [...] Das Thema gesundes Trinkwasser für alle und damit die Versorgung aller Bürgerinnen und Bürger mit Wasser aus Tiefenbrunnen sei ein weiterer wichtiger Schwerpunkt der nächsten Jahre. [...] „Unsere Stadt Ulrichstein mit den vorhandenen spärlichen Mitteln auszubauen und zu erhalten, als eine Stadt in der die Bürgerinnen und Bürger gerne wohnen, liegt den Anwesenden besonders am Herzen“, war die ein-hellige Meinung der Kandidaten. Deshalb sei es auch notwendig die Dorfgemein-schaftshäuser mit der Unterstützung der Vereine vor Ort aufrecht zu erhalten, das Ehrenamt und die Vereine zu fördern und sich für die Beibehaltung des Kinder-gartens und der Grundschule zu engagieren.<< 

Mit triefendem Spott karrikiert daher ein Hobby-Satiriker aus der Windkraft-Gegner-Szene Ulrichstein als "die Stadt wo Milch und Honig fließen“. Mittlerweile reduziere sich die Rechtfertigungsrhetorik der Verantwortlichen auf die Behauptung, die Stadt stünde ohne die Windparks, ohne die Übernachtungen der Windrad-Monteure und ohne die mit dem Anlagenbau verbundenen Aufträge für heimische Baufirmen noch weit schlechter da als beschrieben. Nicht einmal die beiden letzten Landgasthöfe würden ohne WEAs heute noch existieren.

Wie will man unter diesen Voraussetzungen den Tourismus beleben? Was sollen Ur-lauber in einer Stadt, die einst Heilwasser an ihre Gäste verteilen ließ und sich mitt-lerweile schwer tut, die Einheimischen mit gesundem Trinkwasser zu versorgen (zeit-weise gelang dies nur noch per Tanklastzug und zu Kosten von 1000 Euro täglich)? Wenn sich nicht bald ein Gutachter findet, der den besonderen gesundheitlichen Wert von windrad-gequirlter Luft bestätigt oder eine besonders heilsame Infraschall-Therapie erfindet, wird das Prädikat "staatlich anerkannter Erholungsort" vielleicht bald der Ver-gangenheit angehören. Schon werden in den Nachbargemeinden Ulrichsteins Lösungen wie die folgende diskutiert:

"Ein Besucher machte den Vorschlag, man könne den Bewohnern der kleinen Dörfer eine Prämie zahlen, wenn sie das Dorf aufgeben und an zentrale Orte ziehen. Schlosser erinnerte daran, das genau das in einer Studie zur Bevöl-kerungsentwicklung vorgeschlagen wird. Dadurch könnten die Kosten für die teure Infrastruktur sinken." 

Es gibt also offensichtlich noch eine letzte Alternative, wenn jeder Höhenzug rund um Ulrichstein mit Windrad-Giganten zugestellt ist. Auch der kürzlich eingebrachte  Gesetz-entwurf der Hessischen Landesregierung, es Gemeinden unter 5000 Einwohnern freizu-stellen, den hauptamtlichen Bürgermeister einzusparen und durch einen ehremamt-lichen zu ersetzen, geht in eine ähnliche Richtung. Als "Gebietsreform durch die Hinter-tür" bezeichnen dies daher die zahlreichen Kritiker. Wiesbaden wolle hierdurch er-reichen, dass kleinere Kommunen sich aus Gründen der Wirtschaftlichkeit zu größeren Verwaltungseinheiten zusammenschließen. Mittlerweile sinkt die Bereitschaft der Ulrich-steiner Lokalpolitiker, für die (z.T. maßgeblich "mitgestaltete") Rathauspolitik den eige-nen Kopf hinzuhalten ("mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen"), drastisch. Der ein-stige SPD-Bürgermeisterkandidat, Stadtverordnetenvorsteher und Ortsvereins-Vor-sitzende Heiko Müller trat "aus privaten Gründen" von seinen Ämtern zurück. Die ört-liche CDU (bisher 8 von 23 Stadtverordnetenmandaten) brachte zur Kommunalwahl 2016 nicht einmal mehr eine eigene Liste zustande (siehe Alsfelder Allgemeine vom 31.12. 2015, S. 24). Dafür habe es "viele persönliche Gründe" gegeben, erklärte der CDU-Fraktionsvorsitzende Dr. Holger Knopp gegenüber der Presse.  

Angesichts der sich zuspitzenden demografischen Entwicklung in den Gemeinden ver-bleiben in der Tat kaum noch Einsparungspotenziale. Das Landleben wird zum teuren Luxus, weil die Kosten der Infrastruktur auf eine immer geringere Zahl von Einwoh-nern umgelegt werden müssen. Dies lässt auch die Bürgermeister der Ulrichsteiner Nachbargemeinden auf die Errichtung vermeintlich lukrativer Windparks schielen, weil sie nur hierin noch eine zusätzliche Einnahmequelle sehen. Doch genau dies ist ein Denkfehler, weil die hierzu notwendigen Investitionen die Gemeinden weiter in die Ver-schuldung treiben und anderweitige Entwicklungsmöglichkeiten auf Jahrzehnte blockie-ren. Zudem verstärkt sich durch die Ausbreitung der Windindustrie die Tendenz zur Konzentration der Bevölkerung in urbanen Ballungszentren und zum weiteren Aus-bluten der dünn besiedelten ländlichen Gebiete. Eine mögliche Umkehrung dieses Prozesses - etwa durch Anreize zur "Umsiedlung" solcher Großstadtbewohner, die dort durch Beruf oder Ausbildung nicht gebunden sind - wird zugleich unmöglich gemacht. Und letztlich spaltet die Landschaftszerstörung durch uferlosen Ausbau der Windkraft-anlagen die ländliche Bevölkerung in ihrem Widerstand gegen die Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse und Lebensbedürfnisse.

 

Falsche Pferde und zu viele Pferdefüße

Und die Zukunft lässt kaum hoffen. Das Image der Windenergie als "saubere" Alter-native mit all den ihr zugeschriebenen positiven Mythen zerbröselt zusehends. Nicht nur, weil die Umsetzung der Energiewende durch die "hohe Politik" derart undurch-dacht war, dass sie überwiegend zu Lasten der kleinen Leute geht. Langsam dämmert einem wachsenden Teil der Bürger, was geschieht, wenn eine an sich gute Sache wie das Ersetzen fossiler Brennstoffe (Kohle, Erdöl) oder der Atomkraft durch erneuerbare Energien (Wind- oder Sonnenstrom, Biogas, Wasserstoff, Biomasse usw.) unter den Bedigungen des neoliberalen Kapitalismus stattfindet: Die eigentlich gute Sache wird so organisiert, dass möglichst wenige möglichst viel und möglichst viele möglichst wenig davon haben. Nicht nur eingefleischte Marxisten nennen das "Klassenkampf von oben" oder "Umverteilung von unten nach oben". Und damit die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden bzw. die dazwischen ("Mittelschicht" genannt) immer noch glauben können, dass sie bald zu den Reichen gehören, während sie bereits verarmen, müssen die Verlierer beim Monopoly ordentlich hinter die heimische Fichte geführt werden.

Insbesondere wenn es darum geht, Investitionen anzulocken bzw. die Renditen für bereits investiertes Kapital abzusichern, obwohl das beworbene Investment - sagen wir: in neue Windkraftanlagen - gar nicht so sicher und ertragreich ist, wie ursprüng-lich versprochen wurde, sondern sich ähnlich schlecht rechnet wie zum Beispiel die Ferienhäuser im einstigen "Feriendorf Ulrichstein", wird gelogen und betrogen, getrickst und beschissen was das Zeug hält. Ein bisschen Ulrichsteiner Lokalkolorit gefällig? 

 

Beispiel 1 (Quelle: "www.morgenweb.de")

>> Der Schlüssel zu den Bauplätzen für Windräder liegt meist bei den örtlichen Bauern. Sie müssen von der Idee überzeugt werden, einen Teil ihrer Fläche für die grüne Energie herzugeben. "Wenn einer anfängt, ziehen die anderen nach", sagt Landwirt Karlheinz Betz. Er ist auch heute noch überzeugt von der Windkraft, ärgert sich aber darüber, dass er sein Land damals zu billig abgegeben hat. Die 600 Euro Pacht pro Hektar, die er am Anfang bekam, seien viel zu wenig gewesen. Der Betreiber habe dann zwar nach Jahren freiwillig die Zahlungen verdoppelt, aber das sei immer noch unter Wert.

"Ich wollte mich eigentlich mit den anderen Landwirten noch abstimmen, bekam dann aber einen Anruf, dass alle anderen die Pachtverträge schon unter-schrieben hätten. Nur meine Unterschrift fehlte noch", berichtet ein anderer Bauer.<<

 

Beispiel 2 (Quelle: Kommentar zu dem Beitrag "Wohlstand durch Windkraft" auf der Webseite "Wetterauer Landbote"):

"Herr Bürgermeister Schneider sollte doch einmal alle bereits abgeschlossenen Verträge mit den vermeintlichen Windparkbetreibern offenlegen. Dann würde auch dem letzten Ulrichsteiner klar werden, wer das Restrisiko des Rückbaus der Anlagen trägt. Geschätzte Kosten nach Ablauf der Betriebsdauer ca. 300.000,- Euro je Anlage. Wodurch entstehen diese Rückbaukosten? Siehe hierzu auch den entsprechenden Erlass der hess. Ministerien für Wirtschaft, Verkehr und Landentwicklung sowie des Minsteriums für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz vom 27.10.2011. Hier bitte auf der Seite 2 Absatz 2+3 nachlesen. Dort steht ganz deutlich: Alles was in dem Wald reingefahren und verbaut wurde, muß auch wieder raus aus dem Wald und Boden. Der ur-sprüngliche Zustand ist wieder herzustellen.

Es ist interessant zu wissen, dass „hessenforst“ (Land Hessen) den gesetzl. vorgegebenen kompletten Rückbau in die Verträge aufnimmt und auf dem kompletten Rückbau durch den Betreiber besteht. Warum wohl?

Sollte die Stadt das Restriko des Rückbaus tragen, dann werden zukünftig (nach Ende der Laufzeit) auf die Stadt Ulrichstein und damit auch seine Bürger Millionenkosten zukommen. Das ist der Jackpott in diesem Spiel.

So wird dann der gepriesene Wohlstand in ca. 20 Jahren aussehen. Zu diesem Zeitpunkt ist Herr Schneider schon längst im Ruhestand. Auch die Stadt-verordneten werden nicht mehr in ihrem Ämtern sitzen. Herr Morber von hessenenergie wird nicht mehr im Amt sein. Und ob „hessenenergie“ dann noch besteht, wissen wir jetzt noch nicht. Seit der Lehmanpleite in 2009 wissen wir, dass alle Betriebe Pleite gehen können. Aber wir wissen das Ulrichstein noch Grundstückeigentümer ist und viele der Ulrichsteiner Bürger werden noch dort wohnen und die Zeche der „Windparkparty“ zahlen.

Zur Info:

Ich war vor bis zwei Jahren von dem Projekt Windpark im Vogelsberg über-zeugt. Mein Sinneswandel begann mit der Durchsicht und Überprüfung von Ver-trägen (Städtebaulichen Verträgen, Nutzungverträgen etc.), welche den Stadt-verordneten zur Zustimmung vorlegt werden. Dabei musste ich feststellen, dass diese Verträge sehr tendenziös abgefasst wurden und werden. Das Restrisiko des Rückbaues (300.000,- je Anlage) tragen in der Regel die Städte u. Gemeinden."

 

Beispiel 3 (Quelle: "www.morgenweb.de"):

>> Wir hatten schon die Genehmigung. Alles ist vorschriftsmäßig gelaufen. Aber dann hat der Nabu geklagt. Wir hatten noch einen Rotmilan und eine Fledermaus übersehen", sagt Hans-Peter Frank vom Energieversorger OVAG ein wenig zer-knirscht. 160 000 Euro koste der Baustopp im Monat. Der Bürgerinitiative "Gegenwind Vogelsberg" ist das egal. Für sie ist der Ausbau der Windkraft im Naturpark Vogelsberg nichts anderes als "ungezügelte Industria-lisierung". Sie fürchtet eine Verspargelung ihres Naturparks mit schlimmen Folgen für den Tourismus und einen Wertverfall ihrer Immobilien. "Alles Quatsch", sagt der Bürgermeister. Die Betten in Pensionen und Ferienwohnungen seien immer belegt. "Am Wochenende bekommen Sie in unseren Ausflugsgaststätten kaum einen Tisch", beteuert Schneider.<<

 

Beispiel 4

Quelle: "www.morgenweb.de":

>> Der parteilose Bürgermeister Edwin Schneider klingt fast überschwänglich, wenn er erzählt, was für ein Geschenk die Windenergie für die Ulrichsteiner ist. In so genannten Bürger-Windparks könnten sich Interessierte mit Geldeinlagen direkt an den Anlagen beteiligen. So blieben die Gewinne fast vollständig im Ort. Auch die Stadt habe Anteile an den Windrädern. Die Einnahmen daraus verwende die Ver-waltung zum Beispiel dafür, die Abwassergebühren für die Bürger zu senken. "Alle profitieren von der Windenergie", sagt Schneider. <<

 

Quelle: "Wetterauer Landbote"

>> „Wenn wir die Einnahmen aus der Windkraft nicht hätten, könnten wir die Lichter ausmachen.“ Ulrichsteins Bürgermeister Edwin Schneider weiß, was er an 53 Windrädern hat, die sich in sieben Windparks auf dem Gebiet von Hessens höchst gelegener Stadt drehen. Allein der älteste Windpark „Platte“, den das Vogelsberg-Städtchen 1997 bauen ließ, wehte fast drei Millionen Euro in den notorisch klammen Stadtsäckel. Allein 2014 rechnet Schneider mit Gesamterlösen aus den Windparks von 358 000 Euro. Das Geld kommt den rund 3000 Ulrich-steinern direkt zugute. Denn es wird dazu verwendet, etwa die Wasser- und Abwassergebühren klein zu halten.

Auch die eine oder andere Investition in die Infrastruktur wäre ohne die Gewinne aus den Windmühlen nicht möglich. Etwa das naturnahe Schwimmbad, oder das neue Rathaus samt Innovationszentrum am Ortseingang, vor dessen Pforte de-monstrativ ein Rotorblatt in die Höhe ragt, das vom neuen Wohlstand der Stadt kündet.<<

Aus einem Leser-Kommentar zu dem Beitrag "Wohlstand durch Windkraft" auf der Webseite "Wetterauer Landbote": 

"Im Dezember des vergangen Jahres sprach der Bgm Schneider in einer Bürgerversammlung von einer möglichen Zahlungsunfähigkeit der Stadt Ulrich-stein, wenn diese gemäß dem jetzigen Urteil die zu Unrecht erhobenen Kanal-beiträge an ihre Bürger (siehe Beitrag zur BI gegen die Abwasser- und Wasser-bescheide der Stadt Ulrichstein) zurückzahlen müsse. Jetzt spricht er von Wohl-stand.

Der Bürgermeister selbst hat kürzlich eine Vorlage zur Stadtverordnetenver-sammlung unterschrieben. Aus dieser Vorlage geht ganz klar hervor, dass in dem Eigenbetrieb „Stadtwerke Ulrichstein“ die Abteilung Windkraft in 2009 insgesamt 81.914,22 Euro Jahresverlust erwirtschaftet hat. Der Beschluß der Stadtver-ordnetenversammlung erfolgte am 24.01.2014. Abstimmungergebnis – „einstim-mig“. 

Aktuellere Zahlen liegen der Öffentlichkeit derzeit nicht vor, beziehungsweise, die von Herrn Schneider publizierte Zahl für 2014 ist nur eine Schätzung, aber kein testierter Jahresabschluß (2010, 2011, 2012 wo sind diese Ergebnis-zahlen?). Erwartungen können immer korrigiert werden, meist nach unten weil man zuvor glänzen wollte."

Ergänzung:

Schon ein Jahr nach dem oben zitierten Bericht des Wetterauer Landboten ist von dem satten Wohlstand aus emsig sich drehenden Windrädern wiederum keine Rede mehr. Gebeutelt von steigenden Umlageverpflichtungen gegenüber dem Kreis und sinkenden Schlüsselzuweisungen des Landes, sieht Ulrichsteins Bürgermeister in einer noch stärkeren Ausweitung des Energiegeschäfts das einzige Mittel, den Folgen defi-zitärer Haushalte (Fehlbetrag 2014: 605.000 Euro) zu entkommen. Und die heißen für die Ulrichsteiner Bürgerinnen und Bürger: Kostendeckende Gebühren in allen Be-reichen, Einstellung aller freiwilligen Leistungen der Stadt, Schließung von Dorfge-meinschaftshäusern, Einstellung der Sport- und Vereinsförderung, Schließung des Museums, Stillegung des Badebiotops, Zusammenlegung der Feuerwehren und andere Grausamkeiten mehr. Alle Arbeiten, die durch die Dorfgemeinschaften erbracht werden könnten, müssten künftig in Eigenleistung ausgeführt werden, malt der Bürgermeister den Teufel an die Wand. Die Stadt übernehme nur noch die Materialkosten.

 

Beispiel 5

Zwei der fünf Ulrichsteiner Windparkareale (Ulrichsteiner Kreuz und Rebgeshain) gehö-ren dem Privatinvestor "Vogelsberger Windenergie Bohn & Co. OHG". Betreiber-gesellschaft ist allerdings die "hessenEnergie", eine Beteiligungs- und Beratungs-gesellschaft, die zu 100 Prozent dem regionalen Energieversorger OVAG AG gehört, der sich wiederum in Besitz dreier Landkreise befindet (Wer blickt bei diesem Geschwurbel überhaupt noch durch? Niemand! Und so ist es auch beabsichtigt!).
Im Grunde verkauft hier die öffentliche Hand bestimmte Dienstleistungen (Beratung, Betriebsführung usw.) an private (oder andere öffentliche) Investoren. Diese "Kunden", von denen der öffentliche Dienstleister lebt, soll er nun aber gleichzeitig in staatlicher Funktion beaufsichtigen und kontrollieren. Kein Wunder, dass sich hier zwangsläufig Interessenkollisionen ergeben und die Gefahr besteht, dass die Überwachung privater "Maßnahmeträger" (z.B. eines Bauprojekts im Wasserschutzgebiet) nicht funktioniert.

Und also begab es sich, dass im September 2015 die "Bohn & Co. OHG" mit einer groben Bausünde aufflog. Bei Errichtung einer Windkraftanlage am Ulrichsteiner Kreuz soll von dem eingereichten Bauantrag erheblich abgewichen worden sein. Jedenfalls musste das Regierungspräsidium Gießen feststellen, dass das Fundament besagter Anlage entgegen der bundesimmissionsschutzrechtlichen Genehmigung nicht als Flach-gründung ausgeführt worden war, sondern mit so genannten Rütteltopfsäulen, die 13 Meter in die Tiefe des dortigen Wasserschutzgebietes reichen (siehe Alsfelder Allge-meine vom 07.09.2015). Es ist bis heute nicht vollständig geklärt, in welchem Zusam-menhang die ungenehmigte Fundamentierung der WEA mit der Verunreinigung und dauerhaften Stilllegung der benachbarten Wasserversorgungsanlagen steht, die eine teure Befüllung des Ulrichsteiner Hochbehälters per Tanklastwagen (Kosten 1000 Euro täglich) und die Erschließung eines neuen Brunnens erforderlich machten. Laut Regie-rungspräsidium Gießen war für die Überwachung der genehmigungskonformen Errich-tung der Anlage der Vogelsbergkreis als Untere Bauaufsichtsbehörde zuständig, der zu-gleich über die OVAG Auftragnehmer der Bohn & Co. OHG ist. Warum der Vogels-bergkreis nicht in der Lage war, zu erkennen, dass da im Wasserschutzgebiet unter Missachtung der amtlichen Auflagen und der eingereichten Bauanträge in grundwas-sergefährdender Tiefe herumgefuhrwerkt wurde, fragt wohl nur der Naive. Ebenfalls von lediglich rhetorischer Bedeutung dürfte die Frage sein, warum die illegale Pfahl-gründung einer Winkraftanlage durch die Bohn & Co OHG, die Auftraggeberin gegen-über der OVAG/hessenENERGIE als Betreibergesellschaft und damit auch gegenüber dem aufsichtsführenden Landkreis als Mitbesitzer der OVAG ist, über Jahre vertuscht werden konnte. Ganz zu schweigen von der Frage, warum das illegal errichtete Bau-werk nicht abgebrochen werden musste, um den früheren Zustand wieder herzustellen, sondern der Maßnahmeträger lediglich verpflichtet wurde, auf eigene Kosten eine Er-satzbohrung durchzuführen, mit der die Trinkwasserversorgung des Ulrichsteiner Stadt-teils Rebgeshain wiederhergestellt werden konnte.  

    

Beispiel 6

Rein technologisch erweist sich die Windkraft als ähnlicher Torso wie vor Jahren die Atomenergie: Was bei letzterer die fehlenden Endlager für den Atommüll waren (und immer noch sind), findet seine Entsprechung in dem Problem, den bei hohen Windgeschwindigkeiten überreichlich anfallenden Strom in die bestehenden Netze einzuspeisen, ohne dass erhebliche Schäden entstehen, bzw. die überschüssige Energie irgendwie zu speichern. 

Die vorrangige Nutzung von Windkraftanlagen zur Energieversorgung führt zu einer ungeheuren Verschwendung. Gemäß einschlägigen Berechnungen müsste die Zahl der bestehenden 22.000 Windenergieanlagen auf die Zahl von 195.000 WEAs erhöht werden, um die sog. Grundlast unter maximaler Einbeziehung von Windkraft ab-sichern zu können. Da aber der Wind nicht ständig weht, muss Windkraft mit einem zuverlässig verfügbaren zweiten Energieträger (z.B. Erdgas) gekoppelt werden, der einspringt, wenn kein Wind weht. Das heutige EEG (Erneuerbare Energien Gesetz) legt fest, dass der gesamte durch WEAs erzeugte Strom abgenommen werden muss, weil sonst die Anlagenbetreiber nicht auf ihre Kosten kommen würden. Die Unzuverlässigkeit der Windstromerzeugung zwingt aber dazu, diese mit aus-reichender Ersatzkapazität zu koppeln, so dass einerseits doppelte Kosten beim Anlagenbetrieb entstehen und bei hohem Windaufkommen ein erheblicher Teil des Windstroms (im Durchschnitt 50 %) verfällt.         

Anders als in Deutschland wird der überschüssige Windstrom, der vor allem in der Nacht anfällt, in den USA nicht zum Garantiepreis abgenommen, sondern häufig verschenkt. Laut SPIEGEL geht der Trend weltweit zu einer Billig-Flatrate für alternative Energien. Dies könnte das Geschäftsmodell der Windergiebranche, die sich auf subventionierte Garantiepreise des Staates verlässt, für die der Stromkunde zur Kasse gebeten wird, bereits in wenigen Jahren zum Scheitern bringen; dann nämlich, wenn der aufgeklärte Stromkunde und Wähler Verschwendung und Ab-zocke nicht mehr akzeptiert. Investitionen in Windkraftanlagen sind daher alles, nur nicht zukunftssicher!   

 

Beispiel 7

Darüber hinaus kommen immer weitere Nachteile der Windenergie ans Licht (siehe gesundheitliche Gefahren und Beeinträchtigungen des Wohlbefindens). Und je undurchsichtiger und wiedersprüchlicher die Informationspolitik der Windkraftindu-strie, um so mehr schießen Verschwörungstheorien und Verdächtigungen ins Kraut. Ähnliches Misstrauen herrscht natürlich auch gegenüber den Wirtschaftlichkeits-berechnungen von WEAs. Diese sind in der Tat zumeist zu optimistisch. Der wirkliche Ertrag bleibt hinter den Erwartungen und Versprechungen zurück. Die versteckten Kosten für Reparatur, Wartung, Rückbau oder Repowering werden häufig verschwiegen oder geschönt. Werden überdies Naturschutzgesichtspunkte vernachlässigt oder Bau-vorschriften missachtet, kann es zu teuren Baustopps oder anderen kostenträchtigen Auflagen für einen "Vorhabenträger" kommen, wie zum Beispiel diejenige, die Trink-wasserversorgung gleich einer ganzen Gemeinde auf eigene Kosten sicher zu stel-len (siehe oben). Und längst haben sich die vollmundigen Ankündigungen der Wind-kraftpropagandisten, die von gepflegten Straßen, der Sanierung historischer Fachwerk-bauten, einer erneuerten Kanalisation und niedrigen Abgaben für Wasser und Abwasser fantasierten, als leere Versprechungen herausgestellt. Trotz angeblich sprudelnder Einnahmen durch Windräder auf städtischem Grund versuchte die Stadt, ihr Bürger mit rechtswidrigen Vorauszahlungsbescheiden abzuzocken, was eine Bürgerinitiative aller-dings verhindern konnte. Von erneuerten Straßenbelägen oder restaurierten Fachwerk-denkmälern im Kernstadtbereich ist auch weit und breit nichts zu sehen. Stattdessen sinnt man über neue Umlageverfahren nach, um den Einwohnern der Stadt immer neue Lasten aufzubürden. Und als Entschuldigung wird angeführt, dass Städte und Gemeinden, die - wie Ulrichstein - ihren Haushalt nicht ausgleichen könnten, laut Erlass des Hessischen Innenministeriums "in allen Bereichen kostendeckende Gebühren zu erheben" hätten. Und die Liste zukünftig eventuell zu erwartender Grausamkeiten ist lang: "Einstampfung der freiwilligen Leistungen, Schließung von DGH, Einstellung der Sport- und Vereins-förderung, Zusammenlegung von Feuerwehren, Schließung Museum, Stilllegung Badebiotop und anderes." 

  

Fazit:

„Windkraftgemeinde“ zu sein, bringt Ulrichstein keinerlei vermarktbaren Imagegewinn mehr. Trotz der behaupteten Erträge aus dem Energie-Geschäft, ohne die angeblich bald die Lichter ausgehen, ist die Stadt bereits jetzt finanziell am Ende. Nicht zuletzt zwei verlorene Prozesse gegen die erwähnte Bürgerinitiative wegen rechtswidrig er-hobener Wasser- und Abwasserbescheide zwingen die Stadt zu Rückzahlungen in Millionenhöhe, für die - da Rücklagen fehlen (Wo sind denn da die über Jahre ein-geheimsten WEA-Gewinne?) - Kredite aufgenommen werden müssen. Sich durch den Bau immer neuer Windenergieanlagen zusätzliche Einnahmen zu verschaffen, scheitert zunehmend an der restriktiven Genehmigungspraxis für weitere Vorranggebiete.

Derweil wächst der Volkszorn: Wegen der Natur- und Landschaftszerstörung, der ver-schwiegenen gesundheitlichen und unkalkulierbaren wirtschaftlichen Risiken, der un-seriösen Gewinnversprechungen, der Desinformation der Öffentlichkeit durch Wind-kraftbefürworter und -profiteure (zuweilen in einer Person), der undurchsichtigen Ver-bindungen zwischen Politik, Aufsichtsbehörden, Wissenschaft, Medien und Privat-wirtschaft, der Zeche, die der Bürger am Ende zahlt, wenn die WEA-Kolosse zurück gebaut werden müssen, während sich die "Entscheidungsträger" dann schon längst mit fetten Alteresbezügen in die Büsche geschlagen haben und nicht mehr belangt werden können.    

Auch die Rückkehr zu der einstigen Fremdenverkehrsidylle à la „Ulrichstein im Schnee“) erscheint kaum realistisch, denn nicht nur die landschaftliche Schönheit des Vogels-bergs, die sich ohnehin nur den Liebhabern eher unspektakulärer Naturschönheiten er-schließt und von daher nicht für den "Massentourismus" taugt, ist auf Ulrichsteiner Terrain auf unabsehbare Zeit mit den hochragenden Symbolen einer nicht zu Ende gedachten Energiewende verspagelt. Diese stehen zugleich für eine Missachtung des Naturschutzes und natürlich für die Interessenkonflikte von Mandatsträgern, die Priva-tisierung von Gewinnen bei gleichzeitiger Vergesellschaftung der Verluste und Risiken sowie für jede Menge "merkwürdiger Umstände" rund um Pachtverträge, Baugeneh-migungen, Umweltverträglichkeitsprüfungen und dergleichen mehr. Für Belebung des Tourismus bzw. von Handel und Gewerbe in der Stadt sind dagegen weder tragfähige Konzepte noch die erforderlichen Finanzmittel vorhanden. Aber im Zusammenhang mit neuen Windkraftanlagen jonglieren Stadtverodnetenversammlung und Bürgermeister mit zweistelligen Millionensummen. Neidvoll schaut man da auf die Aktivitäten der "Schlosspatrioten" in Homberg Ohm, den blühenden Fremdenverkehr in Herbstein  und Grebenhain oder die offensive Quartiersentwicklung in Grünberg. Vergleichbares - wenn auch vielleicht im bescheideneren Maßstab einer kleineren Stadt - ist in Ulrich-stein nicht zu entdecken. So gibt es derzeit nichts, was Besucher in die "Stadt mit Weit-blick" locken könnte; dafür aber vieles, was die dort Lebenden veranlassen könnte, ihre Zelte dort abzubrechen.

  U. Lange

P.S.:

Hier noch ein kleiner Filmbeitrag von "Weitblick-TV" zum Thema: "Windenergie - unsere Zukunft!"